... Streuobstwiesen schützen

Kornwestheimer Zeitung 4.6.2014

Da vergeht dem Vogel des Jahres, dem Grünspecht, gründlich das Lachen: Über
die künftige Bebauung von W&W im Kornwestheimer Norden ist entschieden
worden. Und einen Satz im Zeitungsbericht vom 21.5. findet der Grünspecht zum Heulen: „Die Streuobstwiese südlich direkt hinter den Parkplätzen wird neuen
Parkgelegenheiten weichen müssen.“


Kornwestheim ist nicht reich an Streuobstwiesen. Aber Streuobstwiesen sind reich an Tier- und Pflanzenarten. Die von Gräsern dominierte Krautschicht einer Streuobstwiese weist oft auch eine große Anzahl blühender Wiesenkräuter auf, die
je nach Standortbedingungen verschieden zusammengesetzt sind.


Zwischen 2.000 und 5.000 Tierarten können in Streuobstwiesen beheimatet sein. Den größten Anteil nehmen dabei Insekten, wie Käfer, Wespen, Hummeln und Bienen ein. Auch die Vielfalt der Spinnentiere und Tausendfüßer ist groß. Das kommt wieder Reptilien wie Laub- und Grasfrosch entgegen, die sich davon ernähren, ebenso wie verschiedene Vogelarten, für die die Spechthöhlen und das Totholz ideale Brutbedingungen bieten. Etwa doppelt so viele Vögel leben hier im Vergleich zu Obstplantagen. Indikatoren für die ökologische Wertigkeit sind z.B. Steinkauz und Wendehals. Natürliche Höhlen für die Aufzucht ihrer Jungen finden auch Säugetiere wie der Garten- oder der Siebenschläfer, sowie Fledermäuse. Sie alle klagen im Chor mit dem Grünspecht: „Gibt es keine Tiefgaragen?“

Zur Geschichte des Obstbaus und der Streuobstwiesen

 

  • Kulturlandschaft

  • Die alten Kelten und Germanen sammelten noch Wildobst, das sie vereinzelt schon in Siedlungsnähe anbauten.

  • Den gezielten Obstbau brachten im 1. Jahrhundert die Römer nach Germanien.

  • Den hoffnungsvollen Anfängen machte aber die Völkerwanderung ab dem 3. Jahrhundert rasch ein Ende.

  • Erst Karl der Große gebot 812 in seinen Krongütern wieder den Anbau von Obstarten, darunter von vier Apfelsorten.
    Bis zum Ende des 16. Jahrhunderts dehnte sich der Obstbau dann in Klostergärten, Gärten Adeliger und schließlich auch städtischer Bürger aus; in der freien Landschaft gab es damals noch keinen Obstbau.

  • Die Verwüstungen im 30jährigen Krieg machten erneut alles zunichte.

  • Mit Herzog Karl Eugen von Württemberg, Markgraf Karl Friedrich von Baden und König Friedrich dem Großen von Preußen begann dann im ausgehenden 18. Jahrhundert durch die Einrichtung von Baumschulen, Anbaugeboten und der Ausbildung von Baumwarten die Anlage von Obstäckern, Obstwiesen und Obstbaumalleen. Johann Caspar Schiller, der Vater des Dichters Friedrich Schiller, Hauptmann und Hofgärtner Herzog Karl Eugens, hatte um 1785 in seiner Obstbaumschule auf der Solitude 224.000 Bäumchen stehen zur Verteilung im Land.
    Zwischen 1800 - 1900 wurde besonders von König Wilhelm I. von Württemberg der Hochstammobstbau auf Äckern und Wiesen zur Obernutzung und Unternutzung gefördert.

  • 1860 gründete Eduard Lucas, Leiter der Gartenbauschule in Hohenheim, den Deutschen Pomologenverein (lateinisch poma = Obst), und 1880 wurde der Württembergische Obstbauverband gegründet.

  • Als Folge der Reblauskatastrophe kam es im ausgehenden 19. Jahrhundert zu einer Ausdehnung des Obstbaus, da Most den fehlenden Wein ersetzte, und verödete Rebflächen zu Obstbauflächen umgewidmet wurden. Auch der Tafelobstmarkt wuchs. Um 1930 hatte der Obstbau seine größte Ausdehnung.

  • Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Erwerbsobstbau mit Niederstammanlagen gefördert und der Streuobstbau mit Hochstämmen ging ständig zurück. Wurden in Baden-Württemberg 1965 noch 19 Millionen Streuobstbäume gezählt, waren es 1990 mit nur noch 11,4 Millionen auf etwa 160.000 Hektar 40 % weniger.

  • Zeitweise wurde gar die Rodung ausgedehnter Streuobstflächen prämiert, so dass der Bestand an Hochstämmen seit Mitte des letzten Jahrhunderts an vielen Orten dramatisch zurückging. Auf den verbliebenen Streuobstwiesen sind die Bäume oft überaltert.

  • Heute gehören sie zu den am stärksten gefährdeten Biotopen Mitteleuropas (siehe auch: Rote Liste der Biotoptypen). Größere, landschaftsprägende Streuobstwiesen finden sich heute noch in Österreich, in Süddeutschland, am Nordhang des Kyffhäusergebirges und in der Schweiz.

 

 

Leben auf mehreren Etagen

Von der Wurzel bis zur Krone bietet ein Obstbaum vielfältige Lebenräume. Im Wurzelbereich leben Garten-Spitzmaus, Feldmaus und Igel, Eidechsen, Blindschleichen, Erdkröten und natürlich Regenwürmer und Nacktschnecken. Der Stamm, mit Algen, Pilzen und Flechten und Moos bewachsen, beherbergt Käfer, Ameisen, Asseln und Holzwespen. In Baumhöhlen und größeren Astlöchern nisten Buntspecht, Gartenbaumläufer, Wendehals, Gartenrotschwanz und Steinkauz. Vor- oder Nachmieter, manchmal auch Konkurrenten bei der Belegung der Nisthöhlen bekommen die Vögel durch Sieben- oder Gartenschläfer oder auch Fledermäuse wie den Großen Abendsegler. In den Baumkronen brüten Singvögel wie Buchfink und Singdrossel. Turmfalke und Mäusebussard nutzen die Bäume als Ansitz bei der Jagd. Die Blätter dienen Insekten und Larven als Nahrung, Jagdrevier und Wohnort.  Auch von Pollen und Nektar der Blüten leben viele Tiere: Bienen, Hummeln, Schmetterlinge. Auf Apfelbäumen wächst die Laubholz-Mistel, deren Früchte viele Vögel verzehren.  Kirschen, Birnen, Äpfel und andere Früchte sind wichtiger Nahrungsbestandteil vieler Vogelarten, und Fallobst bereichert z.B. den Speiseplan von Igel, Dachs und Reh.

 

Übers Jahr

Blühende Obstbäume im Frühling ziehen Insekten an: Bienen, Hummeln und Schmetterlinge, die für die Bestäubung sorgen, Wespen, Schlupfwespen und holzbewohnende Käfer. Sie alle sind ein gefundenes Fressen für viele andere Bewohner der Streuobstwiese wie Vögel und Fledermäuse.

 

Auch abgestorbene Bäume bergen viel Leben: In hohlen Stämmen nisten Spechte und Eulen. Viele gefährdete Singvogelarten finden in den Kronen der Hochstammbäume Nistmöglichkeiten. Auch die nachtaktiven Garten- und Siebenschläfer fühlen sich in der Obstbaumwiese wohl. 

 

Im Frühsommer und Sommer dient das Gras der Streuostbwiese als Viehfutter.

 

Im Herbst freuen sich nicht nur die Menschen über die reifen Früchte. Schmetterlinge werden vom süßen Duft des Obstes angelockt. Fallobst ist Nahrung und Lebensraum von Bienen, Wespen, Schlupfwespen, Ameisen und Fliegen. Wegen dieses Insektenreichtums während der Obstzeit wird die Streuobstwiese gerne von Vögeln und Igeln besucht. Auf einem Ostbaum sind bis zu 320 verschiedene Tierarten, außerdem viele Algen, Moose, Pilze und Flechten, vorhanden.

 

Selbst im Winter bietet die Streuobstwiese noch Futter: Überwinternde Tiere halten sich an am Baum verbliebenen Äpfeln oder Birnen schadlos oder graben gefrorene Früchte aus dem Schnee aus.

Apfelallergie ist keine

Lange vermutet, nun bestätigt: Apfelallergiker sind oft gar keine Apfelallergiker. Warum? Sie haben zwar Probleme mit den „klassischen“ Neuzüchtungen, die in ganz Europa (und darüber hinaus) in den Supermärkten angeboten werden. Aber sie können in vielen Fällen problemlos alte Apfelsorten verzehren. Alte Apfelsorten besitzen wesentlich höhere Polyphenolgehalte im Vergleich zu vielen Neuzüchtungen. Thomas Bernert konnte dies im Rahmen seiner von Prof. Jürgen Zapp betreuten und in Kooperation mit dem BUND Lemgo durchgeführten Bachelorarbeit an der Hochschule Ostwestfalen-Lippe nachweisen.

 

Mithilfe eines Polyphenol-Screenings, das in Zusammenarbeit mit dem BUND Lemgo durchgeführt wurde, untersuchte Bernert verschiedene von Allergikern als verträglich und unverträglich eingestufte Sorten auf ihren Polyphenolgehalt. Die alten Apfelsorten erhielt er dabei von der BUND-Streuobstwiese am Lindenhaus in Lemgo, die gängigen Marktsorten wurden zugekauft. (NABU)

 

Bei unseren Recherchen sind wir nur auf Altländer Pfannkuchenapfel, Goldrenette Freiherr von Berlepsch, Gravensteiner, Jonathan, Landsberger Renette, Minister von Hammerstein, Roter Berlepsch, Roter Boskoop, Schöner aus Boskoop, Weißer Klarapfel und Wintergoldparmäne gestoßen. Als weniger geeignet werden Cox Orangenrenette und Golden Delicious und von den neueren Sorten Braeburn, Granny Smith und Jonagold genannt. (BUND)